Günther trat hastig aus dem Schlafzimmer und näherte sich dem Spiegel im Flur. Mit zitternden Fingern richtete er seine Krawatte und strich sich die Haare zurecht. Heute wollte er besonders gepflegt wirken, denn er hatte eine Verabredung mit Susanne. Bereits der Gedanke an sie erwärmte sein Herz.
Unruhig und mit einem Lächeln schlug Günther seinem Vater vor, ihn zunächst ins Altersheim zu bringen und später wieder abzuholen, um gemeinsam den Notartermin wahrzunehmen – Herbert sollte sein Testament unterschreiben. Herbert stimmte langsam zu, in seinem Blick spiegelten sich Resignation und Sorge. Mit brüchiger Stimme bat er eindringlich: „Vergiss es bitte nicht, es ist sehr wichtig. Und die Tasche darf natürlich nicht fehlen!“ Günther antwortete abwesend: „Ja, ja, Papa“, während seine Gedanken längst bei Susanne waren.
„Ich hol dich auf jeden Fall ab, du weißt ja, dass ich mein Wort halte. Aber jetzt müssen wir schnell zum Auto.“
Im Stadtpark wehte eine leichte Brise, der Duft frisch gemähten Grases lag in der Luft. Susanne wartete auf einer Bank am Brunnen, die Augen ständig tränend, während sie einen Niesanfall nach dem anderen unterdrückte. Sie blickte nervös auf die Uhr – zehn Minuten waren bereits vergangen.
Kurz darauf erschien Günther und grinste: „Ich merke schon, du bist allergisch gegen mich.“
Susanne, noch immer kämpfend mit den Symptomen, erwiderte bestimmt: „Das glaube ich auch. Ich kriege Heuschnupfen in deiner Nähe.“ Trotz allem lächelte sie.
Sie schlug vor, ins Kino zu gehen, ihre Stimme klang nasal. „Ist das nicht in der Nähe?“
„Was wird denn hier gezeigt?“
„Die Burg“, antwortete Susanne, ihre Augen strahlten vor Freude. Günther erinnerte sich kurz an den langweiligen Schulunterricht mit diesem Buch, entschied sich aber spontan, ihrer Begeisterung zu folgen.
Nach einer gemütlichen Zeit im Kino, in dem sie sich „Die Burg“ noch einmal angesehen hatten, fuhr Günther sie nach Hause. Die Straßen waren noch etwas belebt und die Sonnenstrahlen spiegelten sich sanft auf dem Asphalt. Als sie vor ihrem Haus ankamen, drehte sie sich zu ihm um und fragte mit einem verlockenden Lächeln, ob er noch auf eine Tasse Kaffee hereinkommen wolle. Günther, der sich ein wenig verlegen fühlte, nickte zustimmend.
Im Haus war es warm und einladend. Bald erfüllte der Duft von frisch gebrühtem Kaffee den Raum, während sie sich in der gemütlichen Küche unterhielten. Die Zeit schien wie im Flug zu vergehen, während sie lachten und Geschichten austauschten. Die Uhr tickte leise im Hintergrund, doch keiner von ihnen bemerkte, wie schnell die Stunden vergingen. Es war ein Nachmittag voller Wärme und Nähe, der ihnen beiden noch lange in Erinnerung bleiben würde.
Wieder zu Hause angekommen zog Günther seine schwarzen Lackschuhe aus, goss sich ein Glas Whisky ein und legte sich auf die Liege. Kaum hatte er zur Fernbedienung gegriffen, klingelte sein Handy. Erschrocken nahm er ab – ein Anruf aus dem Seniorenheim.
„Ja, hier ist Günther“, sagte er mit fester Stimme. Doch plötzlich wurde er blass, seine Augen weiteten sich. Mit zittrigen Lippen fragte er: „Wie bitte? Wie … warum denn tot? Ich … ich verstehe nicht.“
Sein Blick fiel auf die Aktentasche neben dem Bett, deren Lederriemen im Licht glänzten und deren Schloss angelaufen war. Beim Durchsehen der Papiere entdeckte er das Testament ganz oben; es fehlten nur noch das Datum und die Unterschrift seines Vaters.
Pech gehabt. Erst bei der Frau und dann kein Geld.
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Manchmal reicht ein Wimpernschlag – und aus ist es …
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Eben
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