Die Erbschaft


Herbert sitzt mit besorgtem Gesichtsausdruck, die zittrigen Hände im weißen Schopf, am Tisch im Esszimmer des kleinen Reihenhauses. Die dunkelblaue, nach Mottenkugeln riechende Jacke hängt an seinem hageren Körper wie ein ausgeleierter Kittel. Er wartet ungeduldig auf seinen Sohn, denn er will das Anliegen schnellstmöglich erledigen.
Günther hastet aus seinem Schlafzimmer zum Wandspiegel in der Diele. Schnell schiebt er seine Krawatte zurecht und glättet noch einmal sein Haar. Heute muss er gut aussehen, denn Susanne wartet auf ihn. Er kann es kaum erwarten. Deshalb schlägt er seinem Vater vor, ihn zuerst in Altenheim zu fahren und dann später noch einmal bei ihm vorbeizukommen.
Schweren Herzens erklärt sich Herbert einverstanden, fügt aber mit weicher Stimme hinzu: „Vergiss es bitte nicht, es ist sehr wichtig.“
Günther hört nur flüchtig hin. „Ja, ja Vati“ erwidert er gelangweilt. „Ich komme bestimmt, du kennst mich doch. Jetzt müssen wir aber schnell zum Auto.“

Eine leichte Brise weht den Duft von frisch gemähtem Gras durch den Stadtpark. Susanne reagiert mit heftigem Niesen und rot werdenden Augen darauf. Sie wartete bereits auf der Parkbank am Brunnen, wo sie sich verabredet hatten.
„Ich merke schon, Du bist allergisch auf mich“, scherzt Günther als er auf sie zuläuft.
„Das glaube ich auch, du Witzbold.“
Susanne muss erneut niesen. „Gehen wir ins Kino?“, fragt sie schniefend. „Es ist ganz in der Nähe.“
„Was wird gezeigt?“
„Das Schloss“, antwortet die Kollegin.
Günther lässt sich kein zweites Mal bitten, trotzdem er in der Schulzeit das Originalwerk lesen musste. Für Susanne hätte er fast alles getan.
Es ist schon fast dunkel als die beiden aus dem Kino kommen.

Wieder zu Hause zieht Günther seine schwarzlackierten Schuhe aus, serviert sich ein Glas Scotch, setzt sich aufs Liegesofa und tastet nach der Fernsehfernbedienung auf dem Tisch dahinter. Da läutet ein Glockenschlag wie von Big Ben, es ist sein Handy.
„Ja, der bin ich“, antwortet Günther dem Anrufer freundlich. Plötzlich schaut er schreckensbleich mit weit geöffneten Augen ins Leere. Er muss heftig schlucken, um den Kloß in seinem Hals hinunterzuwürgen. „Wie bitte?“, wispert er mit bebenden Lippen. „Wie… wieso tot? Ich …“ Sein vor Schwindel schwankender Blick fällt auf die Aktentasche, in der immer noch die unterschriftlose Erbschaftsurkunde seines Vaters steckt.

Der Verlust


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Der Verlust

(Ein Gedicht von Dieter Kermas)
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Ich bin verzweifelt, ganz und gar,
die Trauer trübt mir meine Sicht,
ich weiß nicht weiter und fürwahr,
Hoffnung ist ein schwaches Licht.
Es war doch grade sieben Jahre,
als es plötzlich mich verließ.
Es war für mich das einzig Wahre,
wenn ich dran denke, wird mir mies.
Die ganze Welt kam in das Zimmer.
Das Treue ging, es ist nicht mehr.
Ich nehme Abschied und das für immer,
ein Neues muss umgehend her.
Fünf Tage halt ich´s schon aus,
mir zittern alle Glieder.
Ich trau mich nicht mehr aus dem Haus,
die Post bringt es mir wieder.
Das neue Modem kommt grad recht,
um mir das Leben zu versüßen.
Denn nur mit meinem Internet,
kann ich die Welt begrüßen.

©Dieter Kermas

Image: Caliban, Figurine für Shakespeares »Sturm« by Franz Marc – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202.

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Wer bin ich? – Verpasste Kindheit


Bei der Anmeldung zur Hochschule wurde ich flugs abgewiesen. Derweil wählte die Angestellte bereits eine kurze Rufnummer. Zu meiner Verblüffung erscheint ein Polizist eilends zur Stelle. Mir fiel ein die gebrochene Fensterscheibe der Nachbarin beim Fußballspielen, und ich machte mich aufs Schlimmste gefasst.

Auf der Wache, besinne ich mich meiner ersparten Taschengelder und alles, wovon ich träumte, damit zukaufen. Ein schnurrbärtiger Wachmann wühlte in staubigen Akten. Schmunzelnd, holte er ein Blatt heraus, und legte es vor mir.

Es war ein Fahndungsplakat mit meinem Bild als vermisstes, fünfjähriges Kind. Erstaunt drehte ich mich herum und erkannte hinter verriegelten Gitterstäben meinen Vater.