DER JUNGE TROMMLER

Der 24-jährige Trommler Juan Santamaria lag auf einer Pritsche, die unter seinem Gewicht leise knarrte. Ein leichter Wind vom östlich gelegenen Nicaraguasee wehte durch die Ritzen der grob gezimmerten Holzwände und strich sanft durch sein krauses Haar. Die Öllampe warf flackernde Schatten an die Wand. Er starrte an die Decke und hörte in seinem Kopf die Geräusche der Schlacht vom 20. März in Santa Rosa, Guanacaste: Trommelschläge, Kanonendonner, die Schreie verwundeter Kameraden: „Der Krieg bringt den Tod, wer kümmert sich um meine Mutter, wenn ich den Heldentod sterbe? Das darf nicht sein, unter keinen Umständen. Was hat dieser William Walker mit seiner Söldnertruppe in unserem Land zu suchen?“ 

Die Trommel, sein ständiger Begleiter, lag regungslos an seiner Seite. Aber in ihm tobte es! Es war, als würde die Trommel in seinem Inneren widerhallen. Der Rhythmus, der sonst die Männer in die Schlacht trieb, klang wie eine Warnung. Seine Hände, die sonst den Takt angaben, zitterten, als spürten sie die Wucht jedes Trommelschlags. War er am Ende nur Kanonenfutter in einem sinnlosen Angriff, der keinen Erfolg haben würde, egal wie viele Leben er verschlang? Er würde nicht länger tatenlos zusehen, wie sein Leben sinnlos geopfert wurde!

Seine Mutter hatte ihm immer geraten, stolz auf seinen Dienst zu sein. Der junge Tambour biss sich auf die Lippen. Die Kühle der Nacht kroch unter seine Decke und jagte ihm einen Schauer über den Rücken. In seinen Träumen war die Trommel für ihn die Quelle von Ruhm und Ehre gewesen. Jetzt aber war sie zu einer schweren Last geworden, die sein Herz mit Zweifeln erfüllte. 

Konzentriert drückte der junge Trommler seine Schläfe gegen das Stroh und atmete tief ein. Der kommende Tag, der 11. April 1856, würde den Rhythmus des Krieges bestimmen. Er würde wieder trommeln müssen, unermüdlich den Rhythmus halten. In diesem nachdenklichen Moment schwor er sich, einen Weg zu finden, um aus diesem Kreislauf von Blut und Lärm auszubrechen. Er würde seinen eigenen Weg finden, egal, was kommen würde. Der Gedanke war wie ein Lichtstrahl, der den Weg durch die Dunkelheit erhellte: „Ich werde es tun, denn ich weiß, dass ich es kann.“ Er war fest entschlossen zu beweisen, dass ein Trommler Großes für sein Vaterland leisten kann.

Plötzlich musste er an das Gesicht seiner kranken Mutter denken. Mit fieberheißen, eingefallenen Wangen und trübem Blick stand sie vor ihm. Und doch strahlte sie Wärme aus. „Pass auf dich auf, mein Junge“, sagte sie eindringlich, „und denk an deine Geschwister.“ Ein Kloß schnürte ihm die Kehle zu. Wenn er im Krieg fiel, was würde dann aus ihr werden? Diese Frage stellte er sich immer wieder. In seiner Vorstellung sah er seine jüngere Schwester Joaquina, die ihn mit ihren großen braunen Augen ansah, und seinen jüngeren Bruder Rufino. Ihre Blicke waren still, aber sie baten um Schutz. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Die Nacht umgab ihn mit ihrer Stille. Nur das Rascheln des Strohs und das Heulen des Windes waren zu hören. 

Am 11. April 1856 brannte die Sonne über der Stadt Rivas in Nicaragua. Die Soldaten aus Costa Rica marschierten in Sandalen, die ihnen die Armee zur Verfügung gestellt hatte. Durch die dünnen Sohlen spürten sie die Hitze der Erde. Schweiß rann über ihre Gesichter und verschmolz mit ihrem entschlossenen Ausdruck. Mit rauen Händen umklammerten sie ihre Waffen, alte Gewehre, rostige Macheten und improvisierte Brandbomben.

Im gedämpften Licht, das durch die Wolken drang, funkelten ihre Augen. Sie rüsteten sich für den Kampf gegen die Söldner des gefürchteten Kommandanten William Walker. Diese gut ausgerüsteten Söldner würden sie nicht aufhalten können. Die Söldner hatten sich in einer Villa verschanzt, die von den Einheimischen nur „Meson de Guerra“ genannt wurde und deren einst blütenweiße Mauern nun wie stumme Zeugen vergangener Schrecken wirkten. Die Schritte der Söldner hallten durch die verlassenen Gänge der Villa wie ein Ruf nach der Ruhe vergangener Zeiten.

Mit ihrer militärischen Überlegenheit schienen die Söldner im Vorteil zu sein. Die Aufgabe der costa-ricanischen Truppen war unlösbar: Das „Meson de Guerra“ sollte in Brand gesteckt werden, der Ruf nach Freiwilligen ging durch die Reihen, nach denen, die bereit waren, ihr Leben zu opfern. Leutnant Luis Pacheco Bertora trat selbstbewusst vor. Mit fester Stimme verkündete er: „Dieses Land gehört uns! Die Landräuber mögen erfahrener und besser bewaffnet sein, aber wir sind stärker. Unser Geist ist unsere stärkste Waffe.

Mit festem Griff griff er nach einer Fackel und schritt mit entschlossener Haltung voran. Die Hitze der Flammen spiegelte sich in seinen Augen. Die Sonne erreichte den höchsten Punkt, eine Wärme breitete sich über das ganze Schlachtfeld aus. Noch bevor er sein Ziel erreicht hatte, wurde er von einer Kugel getroffen. Die Welt um ihn herum wurde langsam neblig, während er taumelte. Er stürzte zu Boden, trockener Straßenstaub unter ihm. Die Fackel glitt flackernd aus seinen Händen und landete auf dem Boden. Er atmete ein letztes Mal tief durch, blickte entschlossen in den Himmel, der sich rot färbte. 

Der Soldat Joaquin Rosales sprang vor, sein Herz hämmerte wild, aber er würde es schaffen. Mit festem Griff nahm er die Fackel, seine Augen glühten vor Entschlossenheit, er warf sie gegen das Haus. Zögernd leckte das Feuer an den Brettern des Mesons de Guerra. Die Flammen züngelten hoch, nur für einen flüchtigen Augenblick, bevor sie erloschen. Rosales stürzte, sein Körper wurde schwer, die Kugeln pfiffen um ihn herum, aber er würde nicht aufgeben. Er würde nicht aufgeben. Nicht jetzt. Nicht heute. Die Widerstandskämpfer hielten den Atem an, bereit, sich jeder Herausforderung zu stellen. Auch wenn es aussichtslos war, sie würden nicht aufgeben.

Vor seinem inneren Auge sah der junge Trommler plötzlich das Bild seiner kranken Mutter als Baumwollpflückerin auf einer Plantage und hinter ihr einen kräftigen Mann mit erhobener Peitsche: „Niemals, das darf nicht geschehen“, schrie er in sich hinein. Sein leises Flüstern, das wie ein Gebet klang, war zu hören: „Ich schaffe es, bitte passt auf meine Mutter auf.“ Der junge Trommler trat vor, mit entschlossenem Blick und voller Tatendrang.

Er war bereit, sich der Herausforderung zu stellen und sie zu meistern. Mit einem letzten entschlossenen Atemzug und einem Blick, der mehr als tausend Worte sagte, lief er los, sein Ziel fest im Blick. Die Flamme der Fackel in seiner Hand tanzte im Takt seiner Schritte, bis er das Gebäude erreicht hatte. Er holte aus und warf die Fackel mit aller Kraft hoch auf das Dach des Mesons de Guerra. Im Nu verwandelte sich das Gebäude in ein Feuermeer. Funken sprühten durch die Luft, drinnen brach das Chaos aus: Söldner sprangen aus den Fenstern, einige brennend.

Ihre panische Flucht zeigte, wie entschlossen die Costa Ricaner waren, sich nicht unterkriegen zu lassen. Der junge Trommler stand noch da, die Hand erhoben. Dann bäumte sich sein Körper auf, als die Kugeln ihn trafen. Er stürzte zu Boden, die Augen fielen ihm zu. Nie sollte er erfahren, welch unschätzbaren Wert sein Opfer für sein Vaterland hatte. 

Der Staat gewährte seiner Mutter eine monatliche Rente, aber erst zwei Jahre nach seiner Heldentat.

2 Kommentare zu „DER JUNGE TROMMLER

  1. Hallo, Merrill, ich habe noch folgende Verbesserungsvorschläge:

    in der Überschrift: junge

    wenn ich den Heldentod sterbe (geht auf meine Kappe)

    Die Schritte der Söldner hallten

    langsam nebelhaft

    (Die beiden letzten Sätze in einen neuen Absatz.)

    Gruß, Norbert

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