Der Koffer

Das ratternde Drehband, beladen mit Koffern, zog wieder seine endlosen Runden. Die Luft knisterte förmlich vor Anspannung. Fluggäste hielten den Atem an und starrten auf die blinkenden Koffer. Ein Mann lächelte erleichtert und nahm seinen Gepäckanhänger prüfend in die Hand. Eine Frau warf ihren Koffer zurück auf das Band, die Enttäuschung in ihrer Haltung unübersehbar. Man sah Menschen, die triumphierend ihre Koffer umarmten, nur um im nächsten Moment wieder ernüchtert zu sein, wenn sie merkten, dass es nicht der richtige war. Kleine Dramen spiegelten sich in ihren Gesichtern wider, als wäre das Band ein ewiges Karussell der Erwartungen.

Mit entschlossener Geste hatte ich den Griff meines Koffers mit zwei bunten Kabelbindern verziert. Kein Zweifel, diese leuchtenden Farben waren unverkennbar. Zwischen den Metropolen der USA und Lateinamerikas hin- und herfliegend, fixierten meine Augen immer aus der Entfernung diese bunten Markierungen. Sie waren für mich wie kleine Leuchtfeuer in einem weiten Meer von Gepäckstücken. Ein sicherer Hafen, der mir ein heimeliges Gefühl vermittelte.

Plötzlich, in der Abflughalle von Miami, knisterte der Lautsprecher. Eine ruhige, sachliche Frauenstimme bemerkte eine zweistündige Verzögerung für den Flug AA1280 nach Rio de Janeiro. Ihr Ton verriet keine Emotion, als sie erklärte, dass ein defektes Radargerät ausgetauscht werden musste. Die Halle verharrte in intakter Stille. Es war, als hätte jemand die Zeit für einen Moment eingefroren. 

Ich griff sofort nach meinem Handy und tippte João eine Nachricht. Meine Daumen flogen über den kleinen Bildschirm, während die Minuten zäh wie Sirup verstrichen. Als das Flugzeug schließlich abgehoben war, fühlte sich die Erleichterung greifbar an, als ob ein Stein von der Brust der wartenden Menge fiel. 

Die drückende Erschöpfung eines Langstreckenflugs setzte ein. Einige tauchten in Bücher ein, die Jüngeren starrten konzentriert auf Bildschirme, die in den Sitzlehnen vor ihnen flimmerten. Überall waren knisternde Seiten und gedämpfte Stimmen. Ich versuchte zu arbeiten, ließ jedoch den Laptop auf meinem Schoß entspannt ruhen und döste. Ein Ruck weckte mich aus meinem Schlummer und eine Durchsage verkündete die bevorstehende Landung in Rio. Das Kollektiv der Passagiere richtete sich stöhnend auf, als ob eine Decke der Müdigkeit sich von ihnen hob.

Der Einreiseschalter passierte fast im Fluge, ebenso die Gepäckausgabe. Mein Koffer, die bunten Kabelbinder blitzend, glitt mühelos durch die Gepäckkontrolle. Mit Feder in den Schritten trat ich hinaus in die feuchte, tropische Luft. Die Menge hinter der Absperrung bewegte sich wie ein einziges atmendes Wesen. Bald darauf verlor ich mich in einer Umarmung von João, der mich herzlich begrüßte. Die Fahrt durch die weniger besiedelten Straßen Rios versank in einer stillen Dreiviertelstunde. Am Hotel angekommen, fühlte ich, wie das Gewicht der Reise von meinen Schultern fiel. Es war, als ob die Stadt selbst mich willkommen hieß.

Im gedämpften Licht des Hotelrestaurants wartete João, während ich meinen Koffer aufs Zimmer brachte. Beim Abendessen fieberten unsere Worte wie die sprudelnde Quelle der Vorfreude. Als die mitternächtliche Stunde nahte, verabschiedeten wir uns. Halbwach tastete ich nach dem Schloss meines Koffers und versuchte, es zu öffnen. Die Müdigkeit machte meine Finger schwer und widerstandsfähig gegen jede Geschicklichkeit. 

Ungläubig hielt ich inne und betrachtete genauer: Zwei bunte Kabelbinder schlängelten sich um den Griff, doch das Namensschild verriet mir die bittere Wahrheit. John Smith aus New York. Ein heftiges Aufbrausen durchströmte meine Adern – Zorn, Verzweiflung und schließlich die lähmende Ohnmacht. Rasch rief ich João an, seine ruhige Stimme war ein Anker, der mich festhielt. Während ich mich in seine Obhut begab, wehte der Wind der Erkenntnis durch mein müdes Gemüt und vertrieb jede Spur von Überheblichkeit.

Auf der Rückfahrt zum Flughafen spiegelten die vorbeiziehenden Lichter den Weg meiner Gedanken wider. Die stumme Lektion dieser Nacht glühte in mir nach. Die vermeintliche Einzigartigkeit meiner Kabelbinder hatte sich als Illusion erwiesen. In der stillen, sternenklaren Nacht fühlte ich eine tiefe, nachdenkliche Demut, die mich ruhig umfing. 

Im Fundbüro des Flughafens sah ich endlich meinen Koffer. John Smith hatte ihn bereits dort abgegeben. Eine Welle der Erleichterung schwappte über mich, als ich den vertrauten Griff umfing. Es war, als hätte ich ein verlorenes Stück meiner selbst zurückerhalten. Ein stiller Moment der Zufriedenheit verharrte in mir, während die durchlebten Turbulenzen des Tages sich in die Ferne verzogen.

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